Home Mittwoch 15.04.
Ernst-Lohmeyer-Platz 3, Raum 2.06
10-12 Uhr
Eintritt frei
in polnischer Sprache mit Übersetzung
Der Vortrag widmet sich dem Konzept der „imaginativen Geografien“ (imaginative geographies) – also jenen Vorstellungen von Raum und Ort, die als Vermittlungsinstanzen zwischen kulturellen Narrativen und geografischem Verständnis fungieren. Der von Edward Said geprägte Begriff beschreibt, wie Orte Geschichten hervorbringen und wie Geschichten wiederum Orte formen und dadurch unsere geografischen und kulturellen Identitäten prägen. Als Beispiel dient die Erzählung The Island for the Lost, die auf der Insel Wolin in der Nähe des legendären Galgenbergs angesiedelt ist. Der im Stil des magischen Realismus verfasste Text erschien im Band Dispatches from the Institute of Incoherent Geography und stellt den Versuch dar, eine geografische Identität literarisch zu rekonstruieren, die nicht durch Grenzen bestimmt ist, sondern durch Erinnerung, Mythos und Imagination. Wolin erscheint hier als eine mythische Insel verlorener Identitäten, auf der Realität mit Fantasie und Erinnerung verschmilzt. Das Projekt steht im Kontext der Aktivitäten des Institute of Incoherent Geographies, eines informellen Kollektivs, das sich vom fiktiven „Institut für inkohärente Geografie“ aus dem Film The Impossible Voyage (1904) von Georges Méliès inspirieren lässt. Ähnlich wie in diesem Film, in dem exzentrische Forscher eine absurde Reise zur Sonne unternehmen, erforschen zeitgenössische Texte des Instituts die Grenzen von Erkenntnis, Kartierung und Vorstellungskraft und dekonstruieren traditionelle Konzepte von Territorium im Kontext der Globalisierung. Der Vortrag zeigt, wie durch literarische Narration und eine Poetik des Raumes alternative geografische Identitäten jenseits nationaler Grenzen erzählt werden können.
Dr. habil. Ania Malinowska, Prof. UŚ ist Schriftstellerin, Kuratorin und Wissenschaftlerin mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Robotikkulturen, Emotionssemiotik und neue Medienkunst. Gemeinsam mit Prof. Michał Krzykawski ist sie Mitbegründerin des Zentrums für Technologieforschung an der Schlesischen Universität. Sie realisierte Forschungsprojekte unter anderem an der New School in New York sowie an der University of California, Berkeley. Malinowska ist Fulbright-Stipendiatin (Senior Research Award 2018–2019) sowie Preisträgerin mehrerer Forschungsförderungen (NCN MINIATURA, OPUS). Zudem war sie am Projekt „Networking Ecologically Smart Territories“ im Rahmen der Marie-Curie-Maßnahmen (Horizon 2020) beteiligt. Ihre jüngste Monografie Love in Contemporary Technoculture (Cambridge University Press, 2022) leistet einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit dem postmodernen Posthumanismus.

Photo credit: Joanna Nowicka
